Archiv für April 2010

Melanchthon als Bildungsfachmann

Sonntag, 25. April 2010

Philipp Melanchthon, eigentlich Philipp Schwartzerdt (* 16. Februar 1497 in Bretten; † 19. April 1560 in Wittenberg), war ein Philologe, Philosoph, Humanist, Theologe, Lehrbuchautor und neulateinischer Dichter. Er war als Reformator neben Martin Luther eine treibende Kraft der deutschen und europäischen kirchenpolitischen Reformation und wurde auch „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) genannt (aus Wikipedia).

Sein Todestag jährte sich am 19. April 2010, also gerade vor einigen Tagen, zum 450. Male. Aus diesem Grunde veranstaltete die Kreuzberger Ev. Melanchthon-Kirchengemeinde einen themenbezogenen Gemeindeabend. Essen und Trinken waren an Melanchthons Zeit angepasst, ein eindrucksvoller Vortrag ließ uns ihn besser kennenlernen. Flötenbegleitung beim Essen, aber auch die Präsentation anspruchsvoller Flötenstücke stellte den Rahmen dar.

Wichtig daran war für mich, dass das Leben und Wirken des Philipp Melanchthon lebendig wurde, gerade auch seine pädagogischen Gedanken.

Melanchthon war Humanist. Ihm war es wichtig, dass die Lernenden auch in den klassischen Tugenden, Mäßigung, Nächstenliebe, Ordnungssinn und Weltoffenheit, unterrichtet werden. Er begründet die Forderung folgendermaßen:

“Wenn wir andere Künste um ihres Nutzens willen bewundern, wie die Medizin und die Architektur, so muss uns zu Recht auch die Kunst gefallen, welche die Beschreibung der Tugenden enthält, weil sie für das Leben nicht weniger nützlich ist als jede andere. Wer sie studiert, wird dadurch besser.”

Wir würden heute von “sozialen Kompetenzen” sprechen, die zu erlernen unabdingbar ist, aber in den Schulen, speziell in den Gymnasien,  zu kurz kommt. Weltoffenheit könnten wir im Sinne der OECD als die Fähigkeit zur “Kommunikation in heterogenen Gruppierungen” verstehen.

Melanchthon hielt im Jahre 1526 eine Lobrede auf die neue Schule, als auf sein Betreiben hin das erste Gymnasium in Nürnberg gegründet wurde.

Wahrlich, wahrlich, die nehmen dem Frühling das Jahr weg, die die Schulen verfallen lassen. Die Jugend recht bilden, das ist mehr als Troja erobern.

Wer keine Mühe darauf verwendet, dass seine Kinder so gut wie möglich unterrichtet werden, handelt nicht nur pflichtvergessen gegenüber Gott, sondern verbirgt hinter einem menschlichen Aussehen seine tierische Gesinnung.

Verständnis gegenüber Lehrern zeigt M. auch, wenn er sagt:

Nicht einmal im Zuchthaus können Menschen unglücklicher sein denn als Lehrer. Die Aufgabe Schüler zu unterrichten ist so undankbar wie die, “ein Kamel tanzen oder einen Esel Flöte spielen zu lehren.” Der Lehrer arbeitet oft völlig vergeblich. Es fehlt den Schülern an jeglichem Interesse für die Sache. Nur gezwungenermaßen nehmen sie ein Buch in die Hand. Ihr Geist und ihre Augen gehen jedoch spazieren.”

Nun waren das hoffentlich nur gelegentliche Erfahrungen, die wir heute mit ihm teilen. Überwiegen ist  für alle Lehrerinnen und Lehrer die Freude an den Schülern, am Lehren und Selberlernen. Denn auch das ist Melanchthons Überzeugung, wie er sie in seinem Artikel über die “Grundlegung des gesellschaftlichen Lebens in der Schule” formuliert:

Ja, darin sage ich unter anderem: zwei Werte sind besser und göttlicher als alles, das dem menschlichen Wesen zugehört: die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Beide zu erforschen und zu entfalten ist den Schulen anvertraut.

Da also keine andere Lebensform für das Menschengeschlecht nützlicher und nötiger ist (..) als das schulische Leben, lässt es sich unschwer als höchste Lebensstufe verstehen.

Wie anders ist diese Aussage  zu verstehen, als dass schon Melanchthon die Forderung nach lebenslangem Lernen vorschwebte?




Mathematik in der Grundschule

Freitag, 16. April 2010

Hier soll ein Beispiel dargestellt werden, wie  mit Hilfe der Vergleichstest eine Schule, nämlich die Peter-Petersen-Schule in Neukölln, sich selber auf die Spur gekommen ist:
Die Ergebnisse der damals noch am Ende des 2. Schuljahres stattfindenden Vergleichstests waren bunt gemischt, von hervorragend bis schwach. Sie spiegelten somit die heterogene Lerngruppe wie zu erwarten war. Aber abgrundtief schlecht schnitt der Bereich Mathematik ab.

Eine Analyse der Situation machte deutlich, dass alle Kolleginnen, die die altersgemischten unteren Stammgruppen leiteten, Germanistinnen waren und ihr Schwerpunkt klar im verbalen Bereich, Lesen, Erzählen, Schreiben und Gestalten lagen, Mathematik nur Addieren, Subtrahieren  und das Einmaleins lernen bedeutete. Auch hatten die Kinder kaum Erfahrungen mit Würfelspielen, Bauklötzchen hantieren etc.

Die Fachbereichsleiterin für Mathematik, zugleich Konrektorin, begann sofort damit, die Kolleginnen in der Fachkonferenz Mathematik über neue  Erkenntnisse zu informieren, Materialien wurden angeschafft und für Kinder, die überhaupt keine Mengen- und  Raumvorstellungen entwickelt hatten (kein Spielzeug im Vorschulalter), wurde ein Stützkurs eingerichtet.

Die Ergebnisse des folgenden Jahres waren deutlich besser. Man darf allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass es sich bei der erstgenannten Gruppe um eine insgesamt eher schwache Gruppe handelte. Die Gruppe, die den nächsten Test absolvierte, war anders zusammengesetzt. Trotzdem ließ diese Arbeit erkennen, dass Schule anhand von Vergleichsergebnissen Strategien entwickeln können, die positive Veränderungen zur Folge haben.

In den Jahren danach wurde aufgrund der Ergebnisse, die ja in vielen Fällen Entwicklungsbedarf sichtbar gemacht hatten, das Sinusprojekt entwickelt. Dieses gibt dem teilnehmenden Lehrer als Multiplikator viele Möglichkeiten an die Hand, die  im Mathematikbereich sinnvoll gearbeitet werden kann.

Auch das ist eine sinnvolle Folge von Vergleichstests.

Ein beleuchtendes Beispiel „ungerechter“ Vergleiche als Erklärung für den Frust von Lehrer/innen

Dienstag, 13. April 2010

In den achtziger Jahren wurden die Ergebnisse des Schwimmunterrichts (damals im Curriculum der 4. Klasse) von den Schulen abgefordert und verglichen. Bei schlechten Ergebnissen musste die Schulleitung diese erklären (rechtfertigen).
Im Anfang meiner Schulleitungstätigkeit war mein Sohn gerade 4.Klässler.  25 von den 26 Schülern seiner Klasse hatten bereits zu   Seepferdchen. Ein einziger musste also noch schwimmen lernen. Das 100 % positive Ergebnis der Schule wurde belobigt.
In meinen 4. Klassen einer Nord-Neuköllner Grundschule gab es mehr als 50 % von Schülern, die noch nie in einem Schwimmbad gewesen waren. Sie mussten einen langen Weg gehen, das Procedere eines Schwimmbadbesuchs erlernen,  Wassergewöhnungstraining erleben, sich trauen mit Schwimmhilfen umzugehen etc.
Dass es ein ungeheurer Lernerfolg war, wenn dann solche Schüler am Ende des einjährigen Schwimmunterrichts einige Stöße im tiefen Wasser schafften, liegt auf der Hand.
Ich aber musste das schwache Ergebnis dem Schulamt gegenüber rechtfertigen.
Vielleicht erklärt das den Widerstand der Lehrer aus den sozialen Brennpunkten.
Doch sollten sie aus meiner Sicht das ehrliche Ergebnis nutzen, um Verwaltung, Politik, aber auch die Wissenschaft immer wieder auf diese Probleme aufmerksam zu machen.
Die Verweigerung der Tests gibt leider eher eine Steilvorlage zum „Krieg auf falschen Kriegsschauplätzen“ (Dienstaufsichtsbeschwerde), die Arbeitskraft am falschen Ort bindet. Das erinnert mich an den „Krieg“ um die Rütli-Schule, wo die erste Reaktion des „Amtes“ war herausfinden zu wollen, wer den offenen Brief an die Zeitung lanciert hatte.

Vergleichstests wären wunderbar, wenn….

Dienstag, 13. April 2010

Politik und Gesellschaft die darin enthaltenen Informationen wahrnehmen- und ernst nehmen würden.
Welche Informationen ich meine?
Solche, die Statistiker durch Vergleiche bestimmter Gruppierungen und Zusammensetzungen der Schülerschaft ans Licht der Öffentlichkeit bringen.
Vergleiche von Testergebnissen z.B. zeigen, dass Schüler mit Migrationshintergrund in Gruppierungen mit mindestens 50% Schülern aus deutschsprachigen Elternhäusern mehr lernen konnten als in Zusammensetzungen, in sie die Mehrheit bilden.
Und sie zeigen, dass die individuellen Leistungen der leistungsstärkeren Schüler dadurch keineswegs behindert werden.
Die Mischung macht’s, aber keiner traut sich daran, diese Erkenntnis als Orientierung zu nehmen, um das Niveau aller zu heben, ohne damit  dem Einzelnen zu schaden.
Eltern mit Bildungshintergrund müssen begreifen:
Ihr Kind wird durch das Lernen in solchen gemischten Lerngruppen um Erfahrungen im Umgang mit Kindern anderer Herkunft bereichert, ohne dass ihm etwas genommen wird.
Die Erfahrungen sind sogar für die Zukunft wichtig, denn diese Bevölkerungsgruppe bleibt uns erhalten und wir benötigen sie „ausgebildet“.
Also sollten wir doch alles tun, um ihnen Lernen zu ermöglichen.
Und wo effektvollere Mischung nicht möglich ist, müssen Hilfs- und Unterstützungsstrukturen (auch im Hinblick auf die Schulung von Lehrern) gezielt eingesetzt werden.