Archiv für Oktober 2009

Das Individuum und die Pädagogik “im Abseits”

Sonntag, 18. Oktober 2009

Heute in der Meinungsseite des Tagesspiegels  war zum Thema Gymnasium wieder einmal eine  Stellungnahme zu lesen, die die individualisierende Sichtweise vieler besorgter Eltern (Tagespiegel 18.10.09/Meinungsseite: Pädagogik im Abseits)1 sichtbar macht. Der Artikel endet mit der Aussage “Die Pädagogik, die es immer mit dem einzelnen Kind zu tun hat, bleibt ins Abseits verbannt”. Wieso hat die (Schul-)Pädagogik es “immer” mit dem einzelnen Kind zu tun?

Da sollten die Eltern sich einen Hauslehrer halten, der sich um ihr Einzelkind zu kümmern hat.

Die Schule, die Lehrer sind -immer- für viele Kinder (gleichzeitig, nacheinander, nur gelegentlich individuell) da, für jüngere Kinder, für Heranwachsende , immer in  Gruppen.

Was bitte, geht dem einzelnen “besonders für den Besuch eines nachgefragten Gymnasiums geeigneten” Kindes ab, wenn neben ihm jemand sitzt, der -weniger geeignet- sich mehr anstrengen muss? Vielleicht verhilft ja diesem herausragend geeigneten Schüler die Anstrengung dem Mitschüler zu helfen dazu, die Fakten selber noch besser zu durchdenken! (Falls er/sie überhaupt dazu bereit und/oder fähig ist!!!!)

Vielleicht ist er erstaunt über die Denkwege anders Denkender! Es gibt viel, was Schüler unterschiedlicher Fähigkeiten miteinander und voneinander lernen können. Nur die ängstlichen Eltern, aber auch die unterrichtenden Lehrer, müssen sich von der Vorstellung frei machen, dass Lernen im Gleichschritt stattfindet, dass der Unterrichtsstoff ein Weg ist, den alle nur im gleichen Tempo und mit dem identischen Ziel zurücklegen müssen, wobei die Langsameren die Schnelleren  behindern.

Die Vorstellung, dass Schule, dass Lehrer sich möglichst  jedem “einzelnen” Kind zuzuwenden haben, sollte allmählich überholt sein. Denn dann müssten diese möglichst identisch sein, damit das Unterrichten in größeren Verbänden möglich wird. Und das wiederum widerspricht dem Bedürfnis und der gängigen Vorstellung von der Einmaligkeit jeden Individuums.

“Sozialdarwinistisches Gerede von sozialer Mischung” wird angeprangert. Hat der Verfasser schon mal erlebt, in welcher Geschwindigkeit z.B. Sprache erlernt wird, wenn ein einzelner in einer Gruppe von Muttersprachlern eine neue Sprache erlernt, wenn in einer “angemessenen Mischung” unterschiedlicher Begabungen jeder seine Fähigkeiten einbringt? Lernen ist ein aktiver Prozess im Miteinander, wobei bei allen allerdings  Anstrengungsbereitschaft und Lernfreude vorhanden sein muss.

Hätten wir -wie es in Finnland und auch in den anderen skandinavischen Ländern offenbar besser funktioniert- von Anfang an eine “Durchmischung” bei adäquatem Personalschlüssel, dann hätten wir viele unserer schulischen Probleme nicht. Der Kampf aber um das “bessere” Abitur (an “nachgefragten” Gymnasien) ohne störende “schwächere” Mitbewerber wird unsere Probleme mit Sicherheit nicht lösen, sondern stabiliert sie eher.

  1. TSP vom 18.09.09 []